Run-off bei Lebensversicherungen: Was Versicherte jetzt wissen sollten
Jahrzehntelang galt die Lebensversicherung als langfristiges Versprechen: garantierte Leistungen, feste Ansprechpartner und ein Vertragspartner, auf den man sich bis zur Auszahlung verlassen kann.
Doch was passiert, wenn ein Versicherer seinen Bestand nicht mehr selbst verwalten möchte und die Verträge an einen anderen Anbieter überträgt? Genau hier kommt der sogenannte Run-off ins Spiel.
Für Versicherte ändert sich auf den ersten Blick häufig wenig. Hinter den Kulissen können sich jedoch Eigentümer, Strukturen, Kostenmodelle und Serviceprozesse grundlegend verändern. Das aktuelle Beispiel der Athora Lebensversicherung zeigt, warum Versicherungsnehmer solche Entwicklungen im Blick behalten sollten.
1. Was bedeutet Run-off bei einer Lebensversicherung?
Von einem Run-off spricht man, wenn eine Versicherung keine neuen Verträge mehr abschließt und einen bestehenden Vertragsbestand nur noch verwaltet. Solche Bestände können anschließend an spezialisierte Unternehmen übertragen oder verkauft werden.
Für Kunden bedeutet das zunächst nicht automatisch, dass ihr Vertrag beendet wird. Die bestehenden Versicherungen laufen grundsätzlich weiter. Allerdings kann sich verändern, wer den Bestand verwaltet und welche wirtschaftlichen Interessen hinter dieser Verwaltung stehen.
Gerade bei Verträgen, die über mehrere Jahrzehnte laufen, ist das relevant: Der Versicherer, bei dem ein Kunde ursprünglich abgeschlossen hat, muss nicht zwangsläufig auch derjenige sein, der den Vertrag am Ende betreut.

2. Athora: Milliardenbestand soll weitergegeben werden
Ein aktuelles Beispiel ist die Athora Lebensversicherung. Ihr Bestand ist bereits geschlossen, neue Verträge kommen also nicht mehr hinzu. Verwaltet werden rund 3,5 Milliarden Euro Kundengelder.
Dieser Bestand soll an die Frankfurter Leben übertragen werden. Das Unternehmen gehört zu den großen deutschen Spezialisten für die Verwaltung geschlossener Versicherungsbestände und verwaltet inzwischen rund 17 Milliarden Euro Kundengelder.
Für Versicherungsnehmer kann eine solche Übertragung von außen zunächst kaum sichtbar sein. Ansprechpartner, Strukturen oder sogar der bekannte Unternehmensname können teilweise bestehen bleiben, während sich im Hintergrund Eigentümer und Verantwortlichkeiten verändern.

3. Kosteneinsparungen: Vorteil für Versicherte?
Run-off-Spezialisten können große Versicherungsbestände zusammenführen und dadurch Kosten reduzieren. IT-Systeme werden vereinheitlicht, Verwaltungsprozesse gebündelt und Vertriebsstrukturen reduziert oder vollständig eingestellt.
Das kann die Verwaltung eines Bestandes deutlich effizienter machen. Für Versicherte stellt sich allerdings die entscheidende Frage, in welchem Umfang diese Einsparungen tatsächlich bei ihnen ankommen – beispielsweise über die Entwicklung von Überschussbeteiligungen oder anderen Vertragswerten.
Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Die Entwicklung kann sich je nach Bestand, Gesellschaft und Vertragsstruktur unterscheiden. Kosteneinsparungen allein bedeuten deshalb noch nicht automatisch einen finanziellen Vorteil für jeden Versicherungsnehmer.

4. Wenn sich der Kundenservice verändert
Ein wichtiger Faktor bei der Verwaltung geschlossener Versicherungsbestände ist der Kundenservice. Personalkosten gehören zu den größten Kostenblöcken eines Versicherungsunternehmens und bieten entsprechend großes Einsparpotenzial.
Gleichzeitig verändert die Digitalisierung die Betreuung der Kunden. Automatisierte Systeme, KI-gestützte Antworten und Ticketsysteme übernehmen zunehmend klassische Serviceaufgaben. Standardfragen lassen sich dadurch effizient bearbeiten, bei komplexeren Anliegen kann der direkte persönliche Kontakt jedoch schwieriger werden.
Für Versicherte zählt deshalb nicht nur, welche Leistungen auf dem Papier stehen. Auch die Erreichbarkeit des Vertragspartners, die Qualität der Betreuung und mögliche Veränderungen bei der Vertragsverwaltung sollten im Blick behalten werden.
5. Was sollten Versicherungsnehmer jetzt tun?
Ein Run-off ist zunächst kein Grund, einen Vertrag vorschnell zu kündigen, zu verkaufen oder beitragsfrei zu stellen. Er kann aber ein sinnvoller Anlass sein, die eigene Lebens- oder Rentenversicherung genauer unter die Lupe zu nehmen.
Versicherungsnehmer sollten wissen, wer ihren Vertrag aktuell verwaltet, ob Veränderungen bei den Eigentumsverhältnissen angekündigt wurden und wie sich Leistungen, Garantiewerte, Überschüsse und der Kundenservice entwickeln.
Gerade ältere Verträge sollten dabei nicht isoliert anhand eines einzelnen Wertes beurteilt werden. Garantien, aktuelle Vertragswerte, Kosten, Laufzeit und die persönliche Situation spielen gemeinsam eine Rolle.
Ein Versicherungsvertrag kann über Jahrzehnte bestehen – der ursprüngliche Vertragspartner möglicherweise nicht. Umso wichtiger ist es, die eigene Altersvorsorge nicht einfach in der Schublade verschwinden zu lassen, sondern regelmäßig zu prüfen, ob der Vertrag noch zur eigenen Situation und den ursprünglichen Erwartungen passt.
Mehr zum Thema im Video
Welche Entwicklungen aktuell am Run-off-Markt zu beobachten sind und was diese für Versicherungsnehmer bedeuten können, erklären wir ausführlich in der aktuellen Folge von ProLife TV.
Ketrina Morina
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